Vizepräses Petra Bosse-Huber; Foto: EKiR, Andre Zelck
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Interview mit Petra Bosse-Huber
Kirche mit Spielraum
Interview mit Vizeprases Petra Bosse-Huber
Interview aus „Kirche mit Spielraum“, der Arbeitshilfe der EKiR zur Presbyteriumswahl 2012 (www.presbyteriumswahl2012.de)
Das Gemeindeleben aktiv gestalten und Verantwortung dafür übernehmen: Frau Vizepräses, die Gemeinden suchen im Laufe des Jahres wieder neue Kandidatinnen und Kandidaten für die Presbyteriumswahlen 2012. Was sind die wichtigsten Kriterien?
Die Mischung macht’s! In den Presbyterien brauchen wir Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen und Freude daran haben, das Gemeindeleben aktiv mitzugestalten. Alle Kandidatinnen und Kandidaten können wichtige Erfahrungen aus ihrem Privatleben und ihrem Berufsleben einbringen, egal, ob sie z. B. Handwerker, Anwältin, Auszubildender, Hausfrau oder pensionierter Beamter sind.
Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss immer wieder erneuert werden. Aber alle vier Jahre?
So ist das natürlich nicht gemeint. Viele Presbyterinnen und Presbyter lassen sich für eine zweite Amtszeit aufstellen und werden auch wiedergewählt. Das Wissen der „Erfahrenen“ ist genauso wichtig wie die unverbrauchten Ideen der „Neuen“. Die jüngeren Mitglieder stehen oft unter doppeltem Zeitdruck von Beruf und Familie. Da braucht das Presbyterium die Älteren, die das „Alltagsgeschäft“ der Gemeinde kennen. Und auch das ist von großer Wichtigkeit: Die Gemeinde votiert für die Kontinuität und bringt darin ihre Wertschatzung zum Ausdruck.
Die Presbyterien müssen sich heute in ziemlich komplexe Problemlagen einarbeiten. Wie passt das mit dem Wahlmodus zusammen?
Die alte Wahlperiode von acht Jahren haben wir abgeschafft, weil es in der heutigen Zeit immer schwieriger ist, Menschen zu finden, die für eine so lange Zeit ein Amt übernehmen. Übernehmen können, muss man sagen. Das gilt gerade für jüngere Menschen. Vier Jahre sind eine gute Zeit, um sich im Presbyterium einzuarbeiten und viel zu bewegen. Und falls es möglich ist, danach weiterzumachen und die Arbeit fortzusetzen – dann freuen wir uns.
Müssen Kandidierende neu umworben werden – anders als früher?
Im Grundsatz nicht. Das wichtigste Element bei der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten ist nach wie vor der persönliche Kontakt. Nur wenn sich Menschen persönlich angesprochen fühlen, überlegen sie ernsthaft, ob sie Zeit und Lust haben, das verantwortungsvolle Amt im Presbyterium zu übernehmen. Und man muss mit offenen Karten spielen.
Wie geht denn das?
Kandidierende haben ein Recht darauf zu erfahren, welche zeitliche und inhaltliche Beanspruchung das Presbyteramt mit sich bringt. Darüber muss man mit potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten sprechen.
Schauen wir mal in die Statistik: Die Wahlquote hat sich durch die Erleichterung der Briefwahl im Presbyterwahlgesetz 2007 erhöht. Gab es noch mehr positive Veränderungen?
Ja, es hat sich herausgestellt, dass es erfolgreich war, den Kreissynodalvorstand bei nicht ausreichender Anzahl von Kandidatinnen und Kandidatinnen einzuschalten. Die Zahl der tatsächlich durchgeführten Wahlen ist gestiegen. 2008 wurde in mehr Wahlbezirken wirklich gewählt (61,7 Prozent) als bei der Wahl 2004 (55 Prozent).
Was hat die Landessynode 2011 weiter verbessert?
Sie hat beschlossen, den Zeitablauf und den Verwaltungsaufwand so zu verschlanken, dass sowohl die Presbyterien als auch die Verwaltung viel Zeit und sogar Kosten sparen.
Zukünftig wird auf die Gemeindeversammlung für die Kandidatensuche verzichtet, weil …
… aus vielen Gemeinden die Rückmeldung kam, dass dieser zusätzliche Pflichttermin eher als Belastung empfunden wurde. Manche Gemeinden haben aber sehr wohl diese Möglichkeit genutzt, die Wahl bekannter zu machen, mit positiver Resonanz. Ihnen bleibt es ja freigestellt, das erneut zu tun.
Welche Veränderungen gibt es noch?
Die Bildung des Vertrauensausschusses entfallt, denn die meisten Kandidatinnen und Kandidaten werden von Pfarrerinnen, Pfarrern oder anderen Presbyteriumsmitgliedern angesprochen, nicht von einem Gremium. Außerdem muss das Wahlverzeichnis nicht mehr rund vier Monate vor der Wahl ausgelegt werden, sondern erst vier Wochen vorher. Die alte Regelung hatte den Nachteil, dass über Monate hinweg alle möglichen Änderungen per Hand nachgetragen werden mussten. Das elektronische Meldewesen schafft das einfacher und komfortabler.
Das klingt nach Entlastung.
Richtig – das ist und bleibt eine Daueraufgabe. Eine weitere Vereinfachung wird sein, dass alle wahlrelevanten Beschlusse vom Presbyterium in nur einer Sitzung getroffen werden können. Dafür wird es ein neues Formblatt geben, in das alle Beschlusse eingetragen und auch an den Kreissynodalvorstand weitergegeben werden. Insgesamt wird durch die Reduktion vieler Vorschriften Energie freigesetzt, und die Gemeinden können sich intensiver um die Kandidatensuche und die Wahlwerbung kümmern.
Inwiefern sind die Voten der Presbyterien und der Gemeindeverwaltung in die neue Gesetzgebung eingeflossen?
Das veränderte Presbyteriumswahlgesetz ist nach den üblichen Regeln der Evangelischen Kirche im Rheinland beraten worden: Die Presbyterien hatten die Gelegenheit, über ihre Vertreterinnen und Vertreter in den Kreissynoden Vorschlage für eine Neuregelung zu formulieren. Einige Kreissynoden haben an die Landessynode 2009 entsprechende Antrage gestellt. Die Landessynode 2009 hat dann den Auftrag gegeben, eine Neuregelung des Wahlgesetzes zu erarbeiten mit dem Ziel, das Verfahren radikal zu vereinfachen. Dieser Auftrag wurde durch die Juristinnen und Juristen des Landeskirchenamtes in intensiver Zusammenarbeit mit den beteiligten Ausschüssen durchgeführt. All diese Menschen haben die Erfahrungen aus ihren eigenen Presbyterien und aus ihren Kirchenkreisen in die Diskussion eingebracht.
Stichwort: Mitarbeiterpresbyter, bzw. beruflich Mitarbeitende … Warum bleibt alles, wie es war?
Auf der Landessynode gab es dazu eine ausführliche Debatte. Die Sorge, dass bei einer gemeinsamen Liste zu viele beruflich Mitarbeitende die Presbyterien dominieren konnten, wurde sehr ernst genommen. Andere befürchteten aber das genaue Gegenteil: dass am Ende gerade die Mitarbeitenden nicht genug Stimmen bekommen konnten. Es blieb dann bei der bisherigen Regelung, weil wir auf das besondere „Insider“-Wissen der Mitarbeitenden in der Gemeindeleitung nicht verzichten wollen.
Warum ist das „Insider“-Wissen der Mitarbeitenden im Presbyterium besonders wichtig – und nicht nur in den Mitarbeitervertretungen (MAV)?
Darin liegt gerade der Unterschied: Mitarbeiterpresbyterinnen und -presbyter übernehmen das Amt nicht, um die Interessen der Mitarbeitenden umzusetzen. Dafür gibt es die MAV. Im Presbyterium geht es um mehr, es müssen Losungen für sämtliche Anliegen der Gemeinde gefunden werden. Mit ihrem speziellen Wissen bereichern beruflich Mitarbeitende dieses Spektrum, aber als Presbyterinnen und Presbyter der gesamten Gemeinde.
Das heißt, besondere Kenntnisse sind bei allen Presbyterinnen und Presbytern wichtig?
Ja. Die Presbyterien haben weitreichende Entscheidungen zu treffen, gerade da, wo das Geld knapp wird. Langfristige Personalentwicklung auf Gemeinde- und auf Kirchenkreisebene, das Gesamtkonzept gemeindlicher Aufgaben, Gemeindefusionen oder der Verkauf von Immobilien – das sind große Themen. Hier gilt: Jedes Presbyteriumsmitglied sollte spezielle Kenntnisse entwickeln, aber genauso sind alle zusammen in der Verantwortung, in sachlichen Fragen, im Krisen- und Prozessmanagement und in der Leitungskompetenz.
Hat die Bereitschaft zu einer solchen gemeinschaftlichen Leitung in der letzten Zeit eher zu- oder abgenommen?
Es ist nicht leicht, Menschen dafür zu gewinnen, aber in der Tat gibt es eine Trendwende. Immer mehr Menschen erfahren z. B. in ihrem beruflichen Umfeld, dass Kommunikation, Fortbildung und die gemeinsame Wahrnehmung von Verantwortung und Leitung gefordert werden.
Sie sagen, es ist nicht leicht, Menschen für das Presbyteramt zu gewinnen. Aber es gelingt auch immer wieder – warum?
Das liegt daran, dass unsere presbyterial-synodale Ordnung etwas ganz Besonderes ist. Sie baut darauf auf, dass sich evangelische Menschen aus verschiedenen Berufen und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Frömmigkeitsformen für ihre Kirche engagieren und in einem demokratischen System aktiv die Leitung übernehmen. Es macht mich immer wieder froh und stolz zu sehen, welche Vielfalt und welcher Reichtum da in unseren Leitungsgremien versammelt ist – und zwar auf allen Ebenen, in den Gemeinden, den Kirchenkreisen und auf der landeskirchlichen Ebene.
Was wird aus der Kultur des Miteinanders, wenn die Gemeinden in der Fläche zersiedeln und Kernangebote verstärkt von Gemeindekooperationen oder in Fusionen gemacht werden?
Große Gemeinden in den Städten oder ländliche Gemeinden mit vielen Dörfern kennen das, von ihnen können wir lernen, das „große Ganze“ sensibler wahrzunehmen. Es gibt in den Kirchengemeinden ein „regionales Heimatgefühl“ – in den Bezirken, in den Stadtteilen oder Dörfern. Aber es gibt auch eine Gesamtidentität und -verantwortung. Veränderungen eröffnen Chancen, beides neu zu entdecken: Wir sind eine Kirche mit unglaublich viel Spielraum für Kreativität und neue Ideen.
Das klingt sehr theoretisch, …
… ist es aber nicht. Menschen erleben ihre Kirchengemeinde oft in einem bestimmten Ausschnitt, nämlich z. B. in den Projekten, in denen sie sich engagieren, oder in den Gruppen, zu denen sie gehören. Aber zugleich sind diese kleinen „Gemeinden in der Gemeinde“ miteinander verbunden, als ganze Gemeinschaft, sei es in Gottesdiensten, bei Gemeindefesten und bei übergreifenden diakonischen Projekten. Darin sind wir, ganz biblisch, der eine Leib mit den vielen Gliedern.
Wie wird sich die Ehrenamtlichenkultur weiterentwickeln?
Unglaublich viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, auch in der Kirche. Das ist ein großer Schatz! Nicht nur in den Gemeinden scheint es so, dass es schwerer wird, Menschen für ein langfristiges Engagement zu gewinnen. Aber der Einsatz für zeitlich begrenzte Projekte und für das, was den Menschen inhaltlich und biografisch am Herzen liegt, wird zunehmen. Es ist wichtig, dass Menschen erfahren, dass sie aktiv etwas gestalten und dafür Verantwortung übernehmen können. Die Jugendlichen in den Gemeinden machen es uns vor. Da heißt ein wichtiges Schlagwort: Partizipation. Sie suchen immer wieder neue Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung und Teilhabe.
Wie sollte das gestärkt werden?
Ein Punkt wird in der Arbeit mit Ehrenamtlichen immer wichtiger werden: die Kultur der Wertschätzung in unseren Gemeinden. Sowohl die ehrenamtlich als auch die beruflich Mitarbeitenden leisten viel und geben Kraft, Kreativität, Zeit und Herzblut. Das ist nicht selbstverständlich.
Was können die Gemeinden tun?
Viele Gemeinden suchen Wege, das Engagement aller Beteiligten starker wertzuschätzen. Dabei geht es zum einen um Ehrenamtliche wie die Presbyterinnen und Presbyter, um die Mitglieder der Besuchskreise, der Chore oder der Kindergottesdienstteams und viele andere. Zum anderen sollte aber auch der Einsatz der beruflich Mitarbeitenden gesehen und geschatzt werden, im Küsterdienst, in der Kirchenmusik, im Reinigungsdienst, in der Jugendarbeit und im Pfarramt. Das kann Frustration und das „Ausbrennen“ verhindern und die Freude am gemeinsamen Dienst erhalten. Gerade weil vieles in der kirchlichen Arbeit für den „Gotteslohn“ geschieht, ist es wichtig, dass alle in der Gemeinde den Einsatz und die Talente der anderen wahrnehmen und würdigen.




